© 2010 Alexander Franke. All rights reserved.

Laissez-passer A 38

Deutsche sprechen manchmal halb wütend, halb resigniert von der Servicewüste Deutschland. Fast jeder kann von ärgerlichen Erfahrungen im Umgang mit Servicehotlines, Banken oder Internetprovidern berichten. An dieser Stelle möchte ich jedoch mal mit dem alten Vorurteil aufräumen: Aus französischer Sicht mutet der deutsche Dienstleistungsbereich wie ein Paradies an.

Ich erinnere mich, vor vielen Jahren einmal einen Asterix-Spielfilm gesehen zu haben, in dem in einer Szene der Verwaltungswahnsinn skizziert wurde: Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein A38. Früher dachte ich, dass damit deutsche Verhältnisse treffend karikiert würden. Inzwischen weiss ich: Goscinny und Uderzo hatten ihr Heimatland im Hinterkopf. Und haben in der Szene tendenziell eher untertrieben.

Was den Alltag in Frankreich so schwierig gestaltet, sind absurde Formalitäten gepaart mit ignoranten und unhöflichen Angestellten. Ob Universität, Supermarkt oder Bank. Der Arbeitnehmer in Frankreich ist sich selbst am nächsten.

Möchte man als Student für ein Auslandsjahr nach Frankreich ziehen, so gleichen die Formalitäten einem monatelangen Initiationsritual. Zunächst rennt man zur Universität, um sich einen Studentenausweis ausstellen zu lassen. Insofern man eine Krankenversicherung nachweisen kann und alle Dokumente als Kopien dabei hat (auch diejenigen, die auf dem Anmeldebogen gar nicht als Kopien verlangt werden), sollte sich dieser Prozess nach etwa einstündigem Anstehen erledigen lassen - insofern man nicht wegen unpassendem Nachnamen oder zwischenzeitlich eingetretener Büroschließung auf den nächsten Tag verwiesen wird.

Ist diese Hürde genommen, geht es zur Bank und damit zur Kontoeröffnung. Hier beginnen sich die Ähnlichkeiten zum Passierschein A38 zu häufen. Wohnt man in einer WG, so ist ein Wohnbestätigung vom Hauptmieter einzuholen, inklusive Ausweiskopie dieser Person und einer Rechnung (Gas oder Strom) der letzten drei Monate auf dessen Namen und die angegebene, eigene Adresse. Wohnt man allerdings allein (was ohne Konto relativ schwierig zu bewerkstelligen ist, da sich viele Vermieter nicht auf einen Mieter ohne bestehende Bankverbindung einlassen wollen), wird der Prozess schon schwieriger: Hier wäre zwar nur ein Rechnungsnachweis über Strom und Gas auf die angegebene Adresse zu erbringen, aber dies wird angesichts der Tatsache, dass die Wohnung gerade erst bezogen wurde und kein Konto zum Bezahlen dieser Rechnungen vorhanden ist, eher schwer fallen. Denn Gas- und Stromrechnungen wollen schließlich mit einer Kontoverbindung bezahlt werden, die erst nach Bezahlung einer solchen Rechnung eingerichtet werden kann. Sollte man doch alle notwendigen Dokumente (dazu gehören dann noch auch Studentenausweis und Personalausweis) gesammelt haben oder an einen gnädigen Bankmitarbeiter geraten, kann die Kontoeröffnung beginnen. Theoretisch. Praktisch kann es bis zu acht Wochen dauern, bis die Karten und der PIN-Code dann einmal ankommen - natürlich nicht per Post, sondern in der Filiale per Abholung bereitliegen.

Meistens möchte man sich als nächstes eine Metrodauerkarte für Studenten namens Imagine R zulegen, um nicht für jede Fahrt einzeln bezahlen zu müssen. Ein rational denkender Mensch erwartet an dieser Stelle womöglich, dass diese Beantragung in einem der vielen RATP-Büros in Paris oder vielleicht in jeder Metrostation an dem Infostand erledigt werden kann. Weit gefehlt. Zwar muss man eine von einigen spezifischen Metrostationen besuchen, um sich das Anmeldeformular abzuholen (welches nicht online verfügbar ist), jedoch muss dieses zu Hause ausgefüllt und dann postalisch an eine Abteilung der RATP geschickt werden. Sollte man auch das erledigt haben, dauert es im Durchschnitt zwei bis drei Wochen (wenn alles gut geht), bis das Metroticket im Briefkasten liegt.

Eventuell möchte man noch ein Velib-Dauerticket zum Fahrradfahren in Paris beantragen. An dieser Stelle würde man erwarten, dass das Prozedere eigentlich nicht deutlich verrückter als für das Metro-Ticket werden kann. Weit gefehlt. Zwar kann man die Kaution per Einzugserlaubnis bezahlen, die Jahresgebühr jedoch nur per beigelegtem Scheck. Per beigelegten Scheck. Ja. Nur per beigelegtem Scheck. Die Kaution kann per Einzugserlaubnis bezahlt werden aber die Jahresgebühr nur per beigelegtem Scheck. Ein Scheckheft kann man bei der Bank beantragen. Nach einigen Tagen ist es dann im Idealfall abholbereit. Apropos: Franzosen lieben Schecks. Überweisungen für Mieten und Rechnungen sind hier relativ unüblich, die meisten dieser Erledigungen werden per Scheck gehandhabt. Das kann dazu führen, dass man Dinge zwar ganz modern per Internet bestellt, aber dann postalisch einen Scheck über den Rechnungsbetrag an den Anbieter verschickt und erst danach die gewünschte Lieferung abgeschickt wird. Ich habe vier Wochen auf meine Velib-Jahreskarte gewartet, die offiziell nach maximal zwei Wochen geliefert wird. Auf eine Online-Rückfrage nach dem Bearbeitungsstatus bekam ich zwar keine Antwort, drei Tage später jedoch die Velib-Karte.

Die besonderen Leckerbissen sind jedoch die Situationen, in denen diese Reihenfolge von Handlungen in einer Endlosschleife endet, aus der man aufgrund der französischen Sturheit nicht mehr entfliehen kann. So ist der Fall denkbar, dass man - weil privat versichert - ohne Krankenversicherung in Frankreich ankommt.Man kann sich hier eigentlich bei einer studentischen Krankenversicherung anmelden. Dazu bräuchte man allerdings ein Konto. Ein Konto bekommt man nur mit Studentenausweis. Den Studentenausweis bekommt man bei der Einschreibung, für die man zwingend eine Krankenkasse nachweisen muss.
Ich weiss nicht, was am Ende aus Personen wird, die in dieser Endlosschleife steckenbleiben. Ich vermute, Sie schicken Briefbomben an französische Botschaften in aller Welt oder an den Élysée-Palast.

Leider sind es nur nicht die Regeln, sondern auch die Mitarbeiter selbst, die einen gern einmal die Hierarchie zwischen Verkäufer/Berater und Kunden spüren lassen. Dazu auch zwei Erfahrungen.

Als ich mein Bankkonto eröffnet hatte, wartete ich auf die Möglichkeit, die Bankkarten abzuholen. Eines Tages befand sich im Briefkasten die frohe Botschaft, dass meine "Carte Bleue" nun abholbereit in meiner Filiale liegen würde. Am nächsten Tag fuhr ich zwanzig Minuten vorzeitig zur Universität, um der Bank noch einen Besuch abstatten zu können. Leider wurde mein Plan zunächst von der Tatsache durchkreuzt, dass die Bankfiliale nicht betreten werden konnte, da ein Geldtransport erwartet wurde. Daher wartete ich zusammen mit anderen Bankkunden vor der Filiale. Der Geldtransporter kam nach einigen Minuten, nach einigen weiteren Minuten war auch der Abtransport erledigt. Die Bankfiliale öffnete ihre Schalte wieder, ich stellte mich also an, um mit einer Beraterin sprechen zu können. Glücklicherweise kam ich auch recht zügig an die Reihe, da die meisten anderen Kunden, die vorher vor der Filiale warten mussten, nun hinter mir standen. Die Mitarbeiterin rief mich zu ihr und ich erklärte meine Bitte und hoffte, nun meine Bankkarte überreicht zu bekommen. Doch zunächst zog es die Mitarbeiterin vor, einen auf ihrem Arbeitsplatz liegenden Scheck abzutippen und die Eingabe doppelt (!) Zeichen für Zeichen auf Fehler zu überprüfen. Als dies erledigt war, sprach sie mit ihrer Kollegin noch über ein offenes Verfahren eines anderen Kunden. Dann erst betrachtete sie meinen Ausweis und tippte meinen Namen in ihren Computer ein. Anschließend teilte sie mir trocken mit, dass die Bankkarte noch gar nicht in der Filiale sei und ich doch einfach nächste Woche nochmal vorbeikommen sollte.

Ähnliche Erfahrungen kann man auch in Supermärkten machen. Hier sind die Schlangen nicht unbedingt länger als in Deutschland, die Abrechnung zieht sich nur mindestens doppelt so lange hin. VerkäuferInnen unterbrechen ihre Arbeit gerne einmal für einen kleinen Plausch mit ihren KollegInnen. Aber auch die Kunden scheinen sich nicht sonderlich für ihre Zeit zu interessieren. Vor kurzem war eine Dame so langsam beim Einpacken, dass praktisch noch alle Artikel hinter der Kasse aufgestapelt waren, als ihr die Kassiererin, trotz ihrer langsamen Geschwindigkeit, den Rechnungsbetrag mitteilte. Anstatt nun erst einmal zu bezahlen, zog es die Kundin vor, die Produkte zunächst sorgfältig in einigen Tüten zu verstauen, bevor sie per Bankkarte bezahlte, um wiederum eine Minute, mit nun gepackten Tüten, vor dem Bezahlterminal auf die Bestätigung der Zahlung zu warten. Als Deutscher steht man in der Reihe und kann diese Vorgänge nur mit Ungläubigkeit quittieren.

Die kurioseste Erfahrung hatte ich jedoch ein anderes Mal, als ich in dem kleinen Dia-Supermarkt um die Ecke ("Vous allez aimer le Hard Discount!")  gerade einen glücklichen Moment erwischt zu haben schien: Vor mir stand tatsächlich nur eine Person an der Kasse, und ich rechnete mit einer, an französischen Maß gemessenen, zügigen Behandlung. Als alle Produkte der Kundin vor mir über den Scanner gezogen waren, und ihr die zu bezahlende Summe mitgeteilt wurde, stellte sie überrascht fest, wohl kein Geld in den Supermarkt mitgenommen zu haben. Eine, wie meistens im Eingangsbereich bereitstehende, dunkelhäutige Sicherheitsfachkraft gesellte sich zu der Situation dazu, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Während sich dies hinzog, erschien auf der Rückseite der Kasse ein anderer Kunde, der nur ein einzelnes Produkt in der Hand hatte, einen Euro zur Kasse legte und den Supermarkt ohne weiteren Kommentar verließ. Nach weiteren Diskussionen fand die Kundin vor mir schließlich doch noch einen 20€-Schein in ihrem Mantel und konnte die Rechnung endlich begleichen. Als dies abgeschlossen war, rechnete die Kassenkraft zunächst das einzelne Produkt ab, welches der Kunde im vorbeigehen "bezahlt" hatte. Langsam begann ich einen Silberstreif am Horizont zu sehen. In dem Moment, als die Verkäuferin auch diese Tätigkeit beendet hatte, stand auf einmal eine andere Kundin vor mir, die der Verkäuferin wie selbstverständlich einige Produkte in die Hand drückte, die sie offensichtlich kaufen wollte, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Nachdem auch dieser Einkauf abgeschlossen war, war ich endlich an der Reihe - und konnte nach etwa zehn Minuten meinen Supermarktbesuch beenden.

Ein anderes Mal ließ der gleiche Supermarkt fünfzehn Minuten vor Ladenschluss keine Gäste mehr in das Geschäft, weil die Schließung ja unmittelbar bevorstand.

Das Interessanteste an all diesen Erfahrungen ist tatsächlich, dass Franzosen sie kaum als enervierend auffassen würden. Während alle Skandinavier, Briten und Niederländer in das Klagen deutscher Studenten über die absurd-herablassende Ineffizienz einstimmen, kennen die Franzosen keine anderen Verhältnisse. Sie wundern sich eher über das dauernde Jammern ausländischer Studierender über Supermarktkassen und Kontoeröffnungen. Daher wird es wohl auch zukünftig heißen: Ohne rosa Formular kein Passierschein A38. Schalter 12, Stiege B, Korridor J.

One Comment

  1. Hanno

    Ein Traum, besser kann man’s wohl nicht beschreiben. Du hast übrigens vergessen, was man für den Mietvertrag braucht: Perso-Kopie, einen Bürgen, eine handschriftlich geschriebene Garantie-Erklärung des Bürgen (eine Seite lang), die letzten 3 Gehaltsabrechnungen des Bürgen und einen Nachweis der Familienhaftpflichtversicherung. Der Mietvertrag wird dann in dreifacher Ausführung auf jeder Seite des Vertrages mit Initialen unterschrieben und auf der letzten Seite mit einem „lu et approuvé“ vollständig unterschrieben.
    Ach so, und wenn man sich bei der Wohnungssuche nicht dumm und dämlich zahlen will, dann braucht man auch eine französische SIM-Karte – die man aber nur bekommt, wenn man seine Adresse angibt, auch die Prepaid-Karten.
    Was mit in dem kleinen Franprix-Laden hier nebenan immer passiert: die haben nicht genug Wechselgeld, weil die Franzosen alle mit Karte zahlen.
    Gut, so weit von mit, ich schreib weiter am Climate-Change-Essay ;-)
    Gruß,
    Hanno
    P.S.: Wenn ich in diesem Kommentarfeld die Pfeiltasten drücke, dann wechselt er immer zu einem anderen Artikel – kann man das abstellen?

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.
Required fields are marked:*

*