La têmpete

Hier noch ein kleiner Bericht zum Festival-Sonntag, den ich aufgrund seiner Intensität unbedingt festhalten möchte.

Aufgrund meiner heimatlich-universitären Verpflichtungen bin ich erst gegen 16Uhr zum Festivalgelände gefahren, um mir dann direkt Beirut anschauen zu können. Der Himmel hatte sich seit dem Mittag zugezogen und so war ich mir nicht sicher, besonders nach dem Blick auf den Wetterbericht, ob es nicht doch noch regnen würde. Zunächst hielt es sich jedoch.
Ich kam sogar noch relativ nah an das Geschehen auf der Großen Bühne heran, da ich mich nicht in die Mitte drängelte, sondern etwas seitlich platzierte. Abgesehen von seiner Kürze war der Auftritt von Beirut bemerkenswert schön, unkompliziert und verzaubernd. Nachdem Zach, der Kopf Beiruts, und seine instrumentellen Begleiter die Bühne betreten hatten, machte Zach erst einmal ein paar Erinnerungsfotos vom Publikum. Neben wunderbaren alten Bekannten wie „Postcards from Italy“ und „Elephant Gun“ hat es sich Beirut alias Zach Condon sich nicht nehmen lassen, uns, das Publikum, auch mit ein paar neuen Songs bekannt zu machen. Leider war nach viel zu kurzen fünfzig Minuten auch schon wieder Schluss mit der schwelgerischen Melancholie. Und ich hatte meinen Beirut-Fluch überwunden, der durch eine Verschiebung eines ersten Konzert-Termins und der spätere Absage  des zweiten Termins in München wegen Bandauflösung verursacht worden war.

Für ein Konzertbericht der Ting Tings bin ich nicht der Richtige. Das Konzert schien zwar für viele meiner umgebenden Zuhörer ziemlich mitreißend zu sein, die Songs klangen für mich aber alle nach kalkulierten Hits. Irgendwie nichts bewegendes, nichts gefährliches, könnte auch alles von anderen Gruppen geschrieben worden sein. Wurde es zum Teil ja auch, man muss nur mal Midlakes „Kingfish Pies“ mit „Great DJ“ vergleichen. Naja, egal, so schlecht war’s auch nicht. Ich hätte ja auch den Bühne wechseln können, wollte ich jedoch auch nicht, um meinen Platz für Arcade Fire nicht auf’s Spiel zu setzen. Während des Konzertes begann es dann auch noch kurz zu Nießeln, aber auch der leichte Regen hatte nach wenigen Minuten wieder ein Ende.

Und dann kam der von mir lang herbeigesehnte Auftritt meiner Lieblingsband Arcade Fire. Als Headliner traten sie gegen 22Uhr auf, als sich der Himmel etwas aufgeklärt hatte und die Nacht Einzug über das Gelände hielt. Los ging es mit „Ready To Start“ und von da an wurde gewuselt und geklingelt, gesungen und gespielt auf der Bühne. – und das Publikum war außer sich. Es war alles ziemlich perfekt. Es war z.B. Suburbs dabei, das Titellied vom aktuellen Konzeptalbum „The Suburbs“, aber auch ältere Songs von Funeral wie Laika oder Haiti, dass in Frankreich eine besondere Konnotation erhält. Als Win, der Sänger, die Franzosen im Publikum auf ein gefaktes youtube-Video verwies, in dem Frankreich erklärt, seine historische Schulden bei Haiti zu begleichen, wusste das Publikum mit dem Hinweis nicht allzu viel umzugehen.
Grandios wurde es dann bei Ocean Of Noise, wo tatsächlich Beirut-Sänger Zach Condon mit auf die Bühne kam und die Trompete spielte – unglaublich, diese beiden, für mich faszinierenden, Künstler zusammen auf einer Bühne glücklich zusammenspielen zu sehen. Was danach kam war einfach nur verrückt. Während We Used to Wait began, begannen sich auch die Tore des Himmels zu öffnen und mehr und mehr begann es tröpfeln, regnen, schauern, schütten. Am Ende des Liedes waren Publikum, Band, Bühne und Equipment klitschnaß, was die Organisatoren offensichtlich dazu veranlasste, die Instrumente einzupacken und die Band um eine Pause zu bitten, die sichtlich traurig und unschuldig auf der Bühne stand und auch nicht wusste, wie das Konzert fortgesetzt werden könnte. Doch auch während die Band die Bühne verließ, fand das Naturspektakel kein Ende. Das Publikum zeigte sich währenddessen solidarisch und versammelte sich unter Schirmen und Jacken. Nach zehn Minuten – es schüttete immer noch – kam die Band zurück und kündigte an, ein letztes Lied, Wake Up, ohne elektrische Instrumente, aufgrund der Gefahr durch das Wasser, zu spielen, so dass auf der Bühne mit Klavier, akustischer Gitarre und Schellen, verstärkt von Mikrofonen, weitergespielt wurde.  Von dem Wetter und der Aussicht auf ein letztes Lied angeheizt, begann die Menge lauthals das Lied mitzusingen, während alles zusammen im Regen versank. Ich glaube, ich habe selten, wenn nicht sogar nie, einen solch dichten Auftritt gesehen, bei der Fans und Musiker eine emotional so enge Verbindung eingingen. Es war unglaublich.  Aus dem Himmel fielen Liter von Wasser auf einen herab, vor einem stehen die vielleicht beeindruckendsten Musiker der letzten Jahre, und um einem herum Menschen, die glücklich zusammen mit dem Kollektiv ein Lied singen. Der Mensch ist ein Wesen, das erst in einer Gemeinschaft aufgeht.

Aber auch dieses Märchen ging leider zu Ende, und während einige Bandmitglieder , zum Beispiel Win Butler, der Sänger, noch einmal die vordersten Reihen des Publikums abrannten, machten sich die ersten Fans schon auf den Heimweg. Die Band verschwand endgültig von der Bühne. Das Publikum setzte noch einige Male an, Wake Up zu singen, symbolisch für dieses unvollendete aber  berührende Konzert. Und fünf Minuten später hörte es auf zu regnen, ganz  plötzlich und ganz leise.

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