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Der Alltag beginnt

Meine erste richtige Woche an der SciencesPo ist nun vorbei. Die erste "richtige" Woche, weil ich bereits letzte Woche eine Vorlesung hatte, aber erst in den letzten Tagen auch die meisten meiner Seminare begonnen haben. Hier ein kleiner Überblick über meine Kurse und mein erster Eindruck dazu.

Thinking and Acting the Environment: Meine englischsprachige Vorlesung. Klingt nach einer ersten Vorlesung vielversprechend, im Kern geht es um die Frage, wie sich die grüne Bewegung politisch strukturiert und organisiert und auf den politischen Prozess einwirken kann. Nett aussehende Mitstudenten, die nicht ganz so einheitlich und uniformiert wie sonst zum Teil an der SciencesPo herumlaufen. Dicker Reader - aber besser, als sich die Texte selbst organisieren zu müssen.Die Dozentin scheint nett zu sein, ihr französischer Akzent ist ertragbar.

Liberalism, Morality and the Law: Englischsprachiges Seminar über die Frage, inwiefern der individuellen Freiheit nach verschiedenen philosophischen Auffassungen Grenzen gesetzt werden können, wenn ein Individuum seine Freiheit gegen sich verwenden möchte. Interessantes Thema, dünner Reader, interessante Referate (ich werde zusammen mit einem netten Inder namens Jusmeet einen Vortrag über Euthanasie und Kannibalismus halten).

Système et vie politiques de l'Union européenne: Vorlesung und Seminar auf Französisch. Die Vorlesung ist bisher sehr historisch angehaucht, zeigt aber interessant den Kontext der verschiedenen Entwicklungsschübe des Europäischen Einigungsprozesses auf. Das Meiste verstehe ich. Das Seminar ist auch zu bewältigen, leider müssen zwei (!) Referate auf Französisch gehalten werden. Zudem gibt es keinen Reader, die Literatur muss man sich wohl mühevoll zusammensuchen.

Making Sense of European Societies through Data: Vergleichende Analyse sozialstruktureller Daten in Hinsicht auf Cleavages und vieles mehr. Das Seminar ist interessanter als es klingt, ich hätte es nur gerne vor meiner Hausarbeit besucht, da sich diese mit ganz ähnlichen Fragen auseinandergesetzt hat. Vorkenntnisse über empirische Methoden haben die meisten SciencesPo-Studenten nicht, so dass es letztendlich wohl doch qualitativer ablaufen wird, als der Titel andeutet. Mit der Philippinerin Angelica werde ich eine Präsentation über die Rolle von Bildungsexpansion für den Zugang verschiedener Schichten zu Bildung halten. Gefällt mir.

Bonus - Cities and the Urban Experience in Globalising Times: Englischsprachige, soziologische Vorlesung, die ich nebenbei besuche, ohne dafür eingeschrieben zu sein. Sehr guter Professor, packend vermittelt. Wie entwickeln sich Städte und wieso? Was für Herausforderungen ergeben sich in den letzten Jahrzehnten? Was bedeutet das Phänomen Stadt sozial, infrastrukturell, politisch, kulturell, wirtschaftlich? Ich bin sehr froh, mich einfach in die Vorlesung setzen zu können, auch wenn das an der Sciences Po anscheinend formal gar nicht erlaubt ist.

Ein weiteres Seminar namens "Climate Change - A Political Introduction" beginnt erst nächste Woche, genau wie auch mein Französisch-Sprachkurs. Ich muss sagen, dass ich bisher mit meiner Auswahl sehr zufrieden bin, auch wenn es viel Arbeit zu werden scheint. Aber damit konnte ich prinzipiell ja rechnen. Und umso besser ist es, dass mich die Kurse auch wirklich interessieren. Leider sind Reader hier keine Selbstverständlichkeit wie in Heidelberg, so dass man zur Vorbereitung der Seminare wohl zum Teil wirklich in die Bibliothek fahren muss, um dann, ohne Aussicht auf Erfolg, schon vergriffene Bücher zu suchen. Wie meine Arbeit für die Kurse praktisch aussieht, und ob ich es hier einmal schaffe, nicht alles auf den letzten Drücker zu machen - es wird sich zeigen.

Nächsten Montag kommt übrigens Van Rompuy zu einer Diskussion über die Defizite der Europäischen Union an unsere Universität. Für die Veranstaltung habe ich mich bereits registriert, da man sonst zu diesen außerplanmäßigen Events keinen Zutritt erhält.  Diese Veranstaltungsformate scheinen wirklich relevante RednerInnen aus aller Welt anzulocken. Letzte Woche war zum Beispiel der Google-CEO Eric Schmidt hier um eine Rede zu halten,  auch das war ziemlich interessant, obwohl es doch als Google-Werbeverkaufsschau anmutete. Und der Herr Schmidt ziemlich versucht war, den Franzosen jede Menge Honig um den Mund zu schmieren (à la  Sciences Po = Top-Universität, und überhaupt, die tolle französische Kultur und die wunderbare Stadt Paris). Aber die Franzosen schnappen solche Komplimente ja auch nur allzu gerne auf, bestätigt es doch ihr Selbstbild ;).

Auf dem Foto sieht man den Innenhof des SciencesPo-Hauptgebäudes in der Rue Saint-Guillaume.

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